Presseartikel über „Frida Kahlo~…“ in der Backnanger Zeitung

Vielen Dank für die detailierte Rezension meines Programms an Elisabeth Klaper! Freue mich sehr! Genau vier Jahre nach dem tollen Artikel über „Das Käthchen von Heilbronn“ an Goethes Geburtstag!

http://www.murrhardter-zeitung.de/node/1067540

 

Der Schmerz als Inspirationsquelle

Eunike Engelkind fesselt Zuschauer mit Solotheaterstück über die Malerin Frida Kahlo bei ihrem Auftritt in Murrhardt

Frida Kahlo (1907 bis 1954) war eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche, ja revolutionäre Frau. Trotz ihres von Krankheit, Verletzungen und Schmerzen bestimmten Alltags sprühte die mexikanische Künstlerin vor Lebensfreude und wird in ihrer Heimat wie eine Heilige verehrt.

Eunike Engelkind verkörpert in ihrem Solotheaterstück Frida Kahlo und erschafft ein einfühlsames und gleichzeitig temperamentvolles Porträt der mexikanischen Malerin. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT.In ihrem neuen Solotheaterstück „Frida Kahlo: Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe? – Aus dem Leben einer außergewöhnlichen Malerin“ stellt die Stuttgarter Schauspielerin Eunike Engelkind zentrale Ereignisse und Schlüsselerlebnisse aus der Biografie der Künstlerin szenisch und tänzerisch beschwingt dar. Mit feurigen mexikanischen Melodien und Rhythmen begleitet sie der brasilianische Gitarrist Pedro Cerca, der zurzeit in Stuttgart Pädagogik studiert. Die beiden sind auf Einladung des „Freundeskreises Hohenstein – Hilfe im Alter“ in Murrhardt zu Gast. Eunike Engelkind fasziniert die Zuschauer, im Festsaal des Seniorenhauses Hohenstein durch ihr überzeugend lebendiges, natürliches und authentisches Spiel. Mit starken Emotionen verkörpert die Solokünstlerin einfühlsam und temperamentvoll zugleich die Persönlichkeit der Malerin. Zudem schlüpft sie sekundenschnell in die Rollen anderer wichtiger Personen, indem sie ihre Gestik und Mimik, die Lagen und Nuancierung der Klangfarben ihrer Stimme virtuos variiert.

Ausgangspunkt des von Engelkind selbst kreierten Stücks ist Allerseelen: Den „Dia des los Muertos“, Tag der Toten, feiern die Mexikaner als fröhliches Fest, denn für sie „fängt mit dem Tod etwas Neues an“. So erscheint die Seele Frida Kahlos und erzählt aus ihrem Leben, zuerst in einem weißen Kleid, dann legt sie nach und nach immer buntere, prächtigere Kleidungsstücke, Kopfputz und Schmuck an. Mit oft kritischen Anmerkungen zu aktuellen Themen zeigt Frida Kahlo, dass sie auch im Jenseits auf dem Laufenden ist über alles, was auf der Welt geschieht. Zugleich weist sie so auf die Mythologie der Azteken hin, die an die Wiedergeburt der Seele glaubten.

Fridas Vater war Deutscher und Fotograf, der historische mexikanische Baudenkmäler und vielfältige Landschaften aufnahm, ihr Freund und ihre Muse „Señor Dolor“, der Schmerz. „Er half mir, meine Ängste zu überwinden und daran zu wachsen.“ Als Kind erkrankte sie an Kinderlähmung, worauf ihr rechtes Bein verkrüppelte, dennoch hatte sie große Pläne. Sie wollte Medizin studieren und Ärztin werden. Doch 1925 geschah „das schlimmste Ereignis meines Lebens“: Ergreifend schildert die Schauspielerin, wie Frida Kahlo einen schrecklichen Unfall erlitt. Ein Zug stieß mit ihrem Schulbus zusammen, „eine Eisenstange durchbohrte mein Rückgrat“, dazu erlitt sie so viele Knochenbrüche und Verletzungen, dass sie zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen musste. Nach einem besonders schwierigen Eingriff 1944 blieb sie monatelang in einem Gipskorsett ans Bett gefesselt. Das war für sie ein unglaubliches Martyrium, wie ihr Selbstporträt mit Korsett eindringlich vor Augen führt – von Eunike Engelkind stimmig und berührend dargestellt.

Aber Frida Kahlo verlor ihren Lebensmut nicht, sondern verarbeitete diesen furchtbaren Schicksalsschlag. „Ich wollte beweisen, dass ich fähig war, es zu schaffen.“ Als sie Malutensilien bekam, begriff sie dies als große Chance, ihr künstlerisch-kreatives Potenzial umzusetzen.

Sie brachte sich selbst das Malen bei, pflegte ihre Schönheit und kleidete sich mit der farbenprächtigen Tracht ihrer Heimat. Ihre Bilder, in denen sie ihre körperlichen und seelischen Zustände darstellte und „denen ich Unsterblichkeit verleihen wollte“, gleichen Einträgen ins Tagebuch ihres Lebens. Denn sie war davon überzeugt, dass ihr Schicksalsweg vorherbestimmt war. Nur wegen des Unfalls konnte sie Malerin werden.

Kurz erzählt Eunike Engelkind auch von Frida Kahlos Achterbahn-Beziehung zum damals berühmtesten Maler Mexikos und Schürzenjäger Diego Rivera, ihrem „zweiten Unfall, Göttergatten und kleinen Jungen zugleich“. Er war um einiges älter und nicht unbedingt attraktiv, besaß aber Charme und eine magische Aura, darum schwärmte die Malerin für ihn. Als er im Auftrag der Regierung ein historisches Wandbild in ihrer Schule malte, bat sie ihn: „Diego, sieh dir meine Bilder an und sag mir, ob ich Talent habe und weitermachen soll.“ Der Künstler begutachtete Fridas Werke und war überrascht von ihrem Können: „Mädchen, du musst unbedingt weitermachen!“, motivierte er sie. Die Ehe geriet indes zum Fiasko: Während er sie mit anderen Frauen betrog, revanchierte sie sich mit Seitensprüngen und ließ sich 1939 scheiden.

Die Malerin liebte die Vielfalt und Fruchtbarkeit der Natur: Liebevoll pflegte sie Pflanzen und Haustiere in und um ihr „Blaues Haus“, wo sie geboren wurde und auch starb, berichtet Eunike Engelkind, die auch einige besonders aussagekräftige Bilder von Frida Kahlo ins Stück einbindet. Mit „Luther Burbank“ von 1931 protestierte die Malerin gegen die Technik der Hybrid-Pflanzenzüchtungen, die gleichnamiger Botaniker auf Menschen übertragen wollte. Das Gemälde zeigt Burbank, wie er einem Baum gleich aus einer Leiche hervorwächst. Wenige Tage vor ihrem Tod vollendete Frida Kahlo ein wunderbares Melonen-Stillleben, das die Früchte verblüffend realistisch und mit intensiv leuchtenden Farben zeigt – eine Erinnerung an die Lebendigkeit und ein Ausblick auf die Ewigkeit. Nach dem Glauben der Azteken kehren die Geister verstorbener Krieger in der Gestalt von Kolibris zurück, deren Flügel Frida Kahlos markante schwarze, geschwungene Augenbrauen in ihren Selbstbildnissen symbolisieren.

Mit lautstarkem Applaus danken die Zuschauer Eunike Engelkind für ihr eindrucksvolles und eindringliches Porträt der Malerin. Für ihr neues Solostück, zu dem sie Frida Kahlos Verletzungen und ihre heilsame Lebensfreude inspirierten, habe sie intensiv über die Künstlerin und alte mexikanische Bräuche recherchiert, dazu möglichst viele Original-Requisiten, Kostüm- und Schmuckelemente aus Mexiko übers Internet und Bekannte aus Mexiko erworben, so die Schauspielerin.

 

Dieser Beitrag wurde am 29. August 2017 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.